Digitale Transformation schreitet voran: eigene Betriebssysteme der Automobilhersteller

Die Digitalisierung der Fahrzeuge schreitet kontinuierlich voran. Als Vorreiter gilt unverändert Tesla. Der Hersteller von Elektrofahrzeugen aus den USA setzt konsequent auf die Vernetzung seiner E-Modelle – ohne die Bürde historisch gewachsener Altlasten, mit denen etablierte Automobilunternehmen kämpfen. Die Konkurrenz steht unter Zugzwang. Während Tesla von Beginn an mehr IT-Experten als klassische Ingenieure beschäftigte, geht die digitale Transformation bei den bekannten Playern der Automobilindustrie langsamer voran. Die Vision: Das vernetzte Auto wird zum Smartphone auf Rädern. Allerdings liegen die traditionellen Kernkompetenzen in der Fahrzeug-, nicht in der Softwareentwicklung. Die notwendige Veränderung der Ressourcen und Kompetenzen nimmt Zeit in Anspruch. Während die durchaus erkannten Ressourcendefizite bislang hauptsächlich durch Partnerschaften und die Fremdvergabe von Entwicklungsarbeiten überbrückt wurden, geht der Trend mittlerweile dahin, eigene Kompetenzen aufzubauen. Andernfalls entstünden zu große Abhängigkeiten von anderen Unternehmen in einem Bereich, der immer näher an das Kerngeschäft rückt. Der Aufbau interner Softwarekompetenzen setzt zwangsläufig Akquise von IT-Experten voraus. Infolgedessen entsteht auf dem Arbeitsmarkt ein noch härterer Kampf um Talente, die ohnehin schon sehr gefragt sind.

 

Erste Ergebnisse auf dem Weg der Transformation vom Hardware-Produzenten zum Softwareunternehmen deuten sich bereits an. Schon im letzten Sommer kündigte Volkswagen mit VW.OS ein eigenes Betriebssystem an. Dafür sollen in der zuständigen Organisation „Car.Software“ bis 2025 über 10.000 Experten aus der digitalen Welt arbeiten. Das VW.OS soll ein einheitliches Betriebssystem für die vernetzten Fahrzeuge und deren Cloud-Services bieten. Auf der CES in Las Vegas gab Marks Schäfer, Entwicklungschef der Daimler AG, bekannt, dass auch sein Konzern an einem eigenen Betriebssystem arbeite. Bis die ersten Fahrzeuge mit dem neu entwickelten System ausgeliefert werden, vergehen jedoch noch mindestens drei bis vier Jahre. Nähere Informationen zum geplanten MB.OS gab das Unternehmen bislang nicht bekannt.

 

Volkswagen und Daimler wählen mit ihren eigenen Betriebssystemen eine strategische Ausrichtung bei der weiteren Digitalisierung ihrer Fahrzeuge, die von der Konkurrenz gespannt beobachtet werden dürfte. Auch andere Hersteller stehen vor der Entscheidung, ob sie weiterhin auf bestehende Lösungen von Dritten setzen oder Eigenentwicklungen vorantreiben. Zusätzliche Brisanz erfährt dieses strategische Entscheidungsfeld durch die Einführung von Android Automotive (connected-cars.net berichtete), auch bekannt als Google Automotive Services (kurz GAS). Hierbei handelt es sich um ein von Google entwickeltes Betriebssystem auf Android-Basis für das Infotainmentsystem im vernetzten Fahrzeug, das in diesem Jahr seine Premiere feiert. Google bietet das Betriebssystem als Open-Source-Lösung an, stellt jedoch Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der im Fahrzeug verbauten Hardware. Langfristig wird sich der Markt für Betriebssysteme wohl wieder konsolidieren. Umso wichtiger werden die anstehenden Entscheidungen der Hersteller, um bereits frühzeitig auf die richtige Lösung zu setzen.