Start-up Kooperationen im Geschäftsmodell der Connected Cars

Auf dem diesjährigen Wissenschaftsforum Mobilität (veranstaltet von der Universität Duisburg-Essen) präsentierte der Lehrstuhl für Innovations- und Dienstleistungsmanagement der Universität Stuttgart erste, vorläufige Ergebnisse zu einem Forschungsprojekt, das sich mit Start-up Kooperationen im Geschäftsmodell der vernetzten Fahrzeuge befasst.

 

Auswirkungen der digitalen Transformation auf die Automobilbranche

Die Digitalisierung, einer der bekannten Megatrends hinter dem aktuellen Umbruch der Automobilindustrie, führt zu weitreichenden Veränderungen. Dadurch werden letztendlich in und außerhalb der vernetzten Fahrzeuge digitale Services ermöglicht. Da sich infolgedessen für die Automobilhersteller die Chance eröffnet, die Connected-Car-Services teilweise separat zu vermarkten, entsteht ein ergänzendes Geschäftsmodell (weiterführende Informationen zum Geschäftsmodell der Connected Cars).

In diesem Business Model der vernetzten Fahrzeuge besitzt die Komponente der Partnerschaften und Kooperationen eine hohe Bedeutung. Schließlich erfordert die Fahrzeug-Konnektvität zwangsläufig Know-how in IT-Bereichen wie Softwareentwicklung, Business Intelligence, Cloud-Technologien oder Cybersecurity, die nicht zum originären Kompetenzprofil der OEMs gehören. Deswegen wirkt sich die Vernetzung der Fahrzeuge nicht nur auf die etablierten Unternehmen aus, sondern durch die digitale Transformation bietet sich gleichermaßen für neue Akteure die Möglichkeit zum Brancheneintritt. Darunter befinden sich neben ehemals branchenfremden Unternehmen – beispielsweise Software-Giganten wie Google und Apple oder IT-Dienstleister – auch zahlreiche Start-ups, vorwiegend mit digitalen Geschäftsmodellen (Quelle).

Derartigen Partnerschaften zwischen etablierten Unternehmen und jungen Start-ups wird grundsätzlich ein hohes Potenzial attestiert: Während sich die großen Unternehmen durch Finanzstärke, breite Ressourcenbasis, Erfahrung und durch Skalenvorteile auszeichnen, besitzt das agile, risikobreite Start-up vielversprechende Lösungen. Auch in der Automobilindustrie wird zunehmend Interesse an Start-up Kooperationen signalisiert. Das zeigt sich unter anderem daran, dass die OEMs Programme ins Leben rufen, um vielversprechende Start-ups gezielt zu identifizieren. Exemplarisch seien die BMW Startup Garage oder die Startup Autobahn mit Beteiligung von Daimler und Porsche genannt. Allerdings kommt der „Start-up-Report 2017“ von Bitkom zu dem Ergebnis, dass trotz der Bedeutung von digitalen Innovationen in der Automobilbranche noch mehr als die Hälfte aller OEMs und Zulieferer überhaupt nicht mit Start-ups kooperieren – und lediglich 30 Prozent entwickeln zusammen mit Start-ups neue Produkte oder Services (Quelle).

 

Vorgehensweise und erste Erkenntnisse zum Kooperationsverhalten mit Start-ups

Dementsprechend besteht offensichtlich noch Forschungsbedarf hinsichtlich der Rolle von Start-up Kooperationen. In diesem Kontext stellt die Domäne der vernetzten Mobilität einen interessanten Ansatzpunkt dar angesichts ihrer hohen Aktualität und der generellen Bedeutung von Partnerschaften im zugehörigen Geschäftsmodells. Es wurde analysiert, in welchen Aufgabenfeldern Start-ups die OEMs im Business Model der Connected Cars unterstützen oder zu dessen inhaltlicher Erweiterung beitragen. Dabei basiert die Phase des Forschungsvorhabens auf einem qualitativen Untersuchungsdesign, welches die im Bereich der Connected-Car-Services innovationsführenden OEMs Audi, BMW, Daimler, Porsche und Volkswagen umfasst. Für die genannten Automobilhersteller konnten in einer mehrstufigen Recherche (in Geschäftsberichten, Pressemitteilungen, Service-Beschreibungen, Nutzungsbedingungen und Artikeln) knapp 50 rein vertragliche oder kapitalunterlegte Kooperationen mit Start-ups identifiziert werden, die in Zusammenhang mit der Thematik der Connected Cars stehen. Um explorativ das gesamte Spektrum an Start-up Kooperationen zu erfassen, wurde eine induktive Kategorienbildung durchgeführt. Die Methodik generiert Kategorien aus den Daten ohne zuvor festgelegte Kriterien.

 

Auf diese Weise entstanden folgende vier Hauptkategorien, in die sich die untersuchten Kooperationen einordnen lassen:

  • Erweiterung des Portfolio an Connected-Car-Services (Häufigkeit: 38 %)
  • Zugang zu Technologien, Ressourcen und Kompetenzen mit hoher Relevanz für Connected Cars (16 %)
  • Integration und Nutzung originär branchenfremder Technologien und Trends im Kontext der vernetzten Fahrzeuge (32 %)
  • Öffnung der Plattform-Architektur (14 %)

 

Mit 38 Prozent betrifft die Mehrheit aller Kooperationen den im Geschäftsmodell der vernetzten Fahrzeuge sehr wichtigen Service-Entwicklungsprozess. Generell zielt der Entwicklungsprozess auf die Veröffentlichung neuer Services oder die Erweiterung bestehender Dienste um zusätzliche Funktionen ab. Dazu tragen auch Start-ups bei. Es geht bei den zugehörigen Kooperationen unmittelbar darum, mit Unterstützung des jeweiligen Start-ups das Portfolio an Connected-Car-Services auszubauen. Manchmal werden bestehende Lösungen von Start-ups übernommen, teilweise werden neue Services gemeinsam entwickelt und in anderen Fällen nehmen Start-ups die Rolle eines Content-Providers ein. Beispielhaft sei an dieser Stelle auf die Kooperation von Daimler mit dem Start-up what3words verwiesen, wodurch die neue A-Klasse ein neues Adresssystem unterstützt (connected-cars.net berichtete).

Die zweite Kategorie fokussiert sich nicht auf einzelne Services. Stattdessen bezieht sich der Kooperationsgegenstand auf grundlegende Ressourcen, Technologien oder Kompetenzen, die essenziell sind, um das Geschäftsmodell der Connected Cars zu realisieren. Dazu gehören insbesondere die Cybersecurity, die drahtlose Installation von Updates (Over the Air) und Methodenkompetenzen in der Softwareentwicklung. Zu allen genannten Punkten existieren Kooperationen zwischen OEMs und Start-ups.

Als zweiten großen Schwerpunkt im Kooperationsverhalten mit Start-ups zeigt sich die Integration von branchenfremden Trends und Technologien. Offensichtlich ist die Expertise von Start-ups sehr gefragt, um neue Trends zu integrieren bzw. Nutzungsszenarien zu erarbeiten. Diesbezüglich kristallieren sich mit Smart Home, Künstliche Intelligenz und Blockchain drei Themenfelder heraus. Im Bereich Smart Home und Künstliche Intelligenz existieren bereits erste Anwendungen in Connected Cars. So kooperiert Porsche beispielsweise mit Nest. Dadurch ist es im neuen Cayenne möglich, vom Fahrzeug aus die Raumtemperatur zu Hause zu regeln oder auf installierte Kameras zuzugreifen. Das neu entwickelte Infotainmentsystem MBUX (Mercedes-Benz User Experience) verwendet erstmalig Künstliche Intelligenz (Artifical Intelligence). Beide Themenfelder dürften jedoch in nächster Zeit noch an Relevanz gewinnen und zu weiteren digitalen Diensten im vernetzten Automobil führen. Dagegen ist die Datenbank-Technologie Blockchain, bezogen auf Connnected Cars, noch anwendungsferner. Sie besitzt jedoch großes Potenzial für neue Services oder die Verbesserung bestehender Dienste. In diesem Zusammenhang kooperiert etwa Porsche mit dem Start-up XAIN (connected-cars.net berichtete).

Bei der Öffnung der Plattform-Architektur geht es unter anderem darum, möglicherweise die Entwicklungsumgebung der Connected-Car-Plattformen zu öffnen. Dadurch würden nicht nur die Hersteller oder ausgewählte Partner die Connected-Car-Services entwickeln, sondern beliebige Entwickler freien Zugang erhalten. Angesichts der hohen Sicherheitsanforderungen im Fahrzeug-Kontext handelt es sich hierbei um ein schwieriges Vorhaben, das erst in weiter Zukunft realisiert werden dürfte. Jedoch geht zum Beispiel die von Mercedes-Benz zusammen mit dem Start-up High Mobility eingeführte Schnittstelle „Connected Vehicle API“ in diese Richtung (connected-cars.net berichtete).

 

Übertragen auf die Forschungsintention, in welchen Aufgabenfelder Start-ups im Geschäftsmodell mitwirken oder zur Weiterentwicklung beitragen, lassen sich nachfolgende zentrale Erkenntnisse festhalten. Sofern Start-ups eine vielversprechende Lösung besitzen, sind sie ein interessanter Kooperationspartner, um das Angebot an digitalen Diensten auszubauen. Die agilen Jungunternehmen tragen zur Erweiterung des Service-Portfolios bei und werden somit in einen wichtigen Schlüsselprozess integriert. Zudem ermöglichten ausgewählte Start-ups den Zugang zu Kompetenzen oder Ressourcen, die von essenzieller Bedeutung sind, um das Geschäftsmodell zu betreiben. Hinsichtlich der Weiterentwicklung helfen Start-ups vor allem dahingehend, originär branchenfremde Trends und Technologien künftig im Kontext der Connected Cars einzusetzen.

 


Zum Autor

Micha Bosler ist akademischer Mitarbeiter und Doktorand am Lehrstuhl für Innovations- und Dienstleistungsmanagement (IDM) des Betriebswirtschaftlichen Instituts der Universität Stuttgart.

Im Rahmen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit befasst er sich mit den beiden Schwerpunkten Connected Cars und Start-up Kooperationen. Seine Forschungsinteressen liegen auf den Aspekten Innovations- und Dienstleistungsmanagement im Kontext der vernetzten Fahrzeuge sowie externer Gründergeist in etablierten Unternehmen – innovativ durch Kooperationen mit Start-ups.

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